Auftritte des Orchesters

Brägenwoost Bratters mit neuem Album

Release:
August 2021

Weitere Informationen folgen.

Musiker in Deutschland:

Jazz wirds prekär

 

Von

Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass Deutschlands Jazzmusiker im Monat nur rund 1000 Euro verdienen. Dennoch steigt die Zahl der Jazzstudenten. Warum eigentlich? Und kennen Sie die Witze darüber?

 

Am Taxistand verhandeln zwei Typen mit dem Chauffeur. Der eine trägt eine Tasche mit Schlagzeug-Becken und Trommelstöcken, der andere einen Trompeten-Koffer. Wer von den dreien ist Jazzmusiker? Der Taxifahrer.

 

Oder: Was ist der Unterschied zwischen einem Rockgitarristen und einem Jazzgitarristen? Der Rockgitarrist spielt drei Akkorde vor 1000 Leuten. Der Jazzgitarrist spielt 1000 Akkorde vor drei Leuten.

Mit solchen Witzen ulken Jazzer gerne über ihre miserable Lage. Vom Jazz allein kann man nicht leben! Tatsächlich verdienen Musiker in dieser Branche durch "musikalische Arbeit" im Durchschnitt nur 12.500 Euro im Jahr. Das belegt eine Studie, die erstmals empirische Daten zur Arbeitssituation professioneller Jazzmusiker vorlegt.

Sie wurde aufgrund einer Onlinebefragung mit über 2000 Beteiligten von der Universität Hildesheim, dem Darmstädter Jazzinstitut und der Union Deutscher Jazzmusiker erarbeitet. Die Erhebung soll, so Kultur-Staatsministerin Monika Grütters, "Diskussionen darüber anregen, wie die Lebensbedingungen der Jazzmusikerinnen und -musiker auskömmlicher gestaltet werden können".

Bislang erreichen viele Jazzer ihr Auskommen durch Nebentätigkeiten. Im musikalischen Bereich sind das Unterrichtsstunden, Jobs bei Musicals und "Mucken" auf Jubiläen und Betriebsfeiern. Um über die Runden zu kommen, fahren Jazzer Taxen, zapfen Bier oder gestalten Websites. Denn für die Ausübung ihres Berufs - 77 Prozent haben Hochschulabschluss oder studieren noch - gibt es zu wenig Auftrittsmöglichkeiten und zu niedrige Gagen.

So haben zehn Prozent der Musikanten im Jahr gerade mal fünf Jazz-Engagements, 54 Prozent haben mindestens 25 Auftritte; nur vier Prozent spielen mehr als hundert Mal. Dabei gibt es bei zwei Dritteln der Engagements höchstens 150 Euro; ein gutes Viertel wird mit 150 bis 300 Euro bezahlt, und nur für zehn Prozent der Gigs gibt es über 300 Euro.

Jazz-Akademiker sind für alle Genres gerüstet

Angesichts dieser Lage verblüfft, dass die Zahl der Jazzstudierenden an deutschen Hochschulen wächst. So wurden die Plätze für den betreffenden Studiengang in Hamburg von 24 auf 40 fast verdoppelt - und es gibt eine Warteliste. "Wer zu uns will, denkt nicht ans Geldverdienen", erklärt der zuständige Professor Wolf Kerschek.

Aus Leidenschaft würden sich Jungen und - zunehmend - Mädchen für Jazz entscheiden. Und das zumeist schon früh und nicht vergleichbar mit jenen Abiturienten, die den Arbeitsmarkt betrachten und dann Informatik als Studienfach wählen.

Kerschek vergleicht das Jazzstudium mit "Grundlagenforschung"; er ist ein Beispiel dafür, dass Jazzstudenten mit Hochschulabschluss fit für alle Bereiche sein können. Der 46-jährige Absolvent der amerikanischen Jazz-Kaderschmiede Berklee in Boston (Hauptinstrument Vibrafon) komponiert und arrangiert Musik auch für Pop- und klassische Besetzungen.

In Deutschland spielen die perfekt ausgebildeten Jungjazzer meist vor einer Mehrheit von Grau- und Kahlköpfen. Denn es ist ihnen bislang nicht gelungen, ein Publikum aus der eigenen Generation mitzuziehen. Das soll anders werden. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet wohl zum Berg gehen:

  • In München gastiert die Bigband Jazzrausch in Ambient- und Hip-Hop-Läden.
  • Hamburger Musiker organisierten im Techno-Klub Volt die Veranstaltungsreihe Jazz-Lab mit Jamsession, Konzert und After-Show-Party mit DJ.
  • Und das Berliner Xjazz-Festival schickt Bands an Spielorte im Stadtbereich um Kreuzberg.

Der künstlerische Leiter Sebastian Studnitzky möchte mit dem Fest im Mai "die Genregrenzen zwischen Jazz, improvisierter elektronischer und neuer klassischer Musik aufbrechen". "Früher war ich nur Trompeter", sagt der Berklee-Absolvent, heute hat er auch einen Namen als Label-Betreiber und Festival-Organisator.

 

Zu jener Spezies von Jazzern gehört auch Jonas Pirzer. Der 31-jährige Schlagzeuger machte nach dem Jazzstudium noch seinen Master in Kommunikation und Kulturmanagement. Das hilft ihm bei seinen gegenwärtigen Job als Geschäftsführer der Union Deutscher Jazzmusiker - und bei der Vermarktung seiner Musik. Pirzer gründete sein eigenes Label und brachte zum Jahresanfang mit der Sängerin Thea Soti und der Band NaNaya eine CD heraus. Das Magazin "Jazzthetik" bescheinigt der Ethno-Jazz-Platte "stellenweise Ohrwurm-Qualitäten".

Wie alle Jazzmusiker will die Band NaNaya ihre CD vor allem bei Auftritten in Klubs verkaufen. Aber davon gibt es viel zu wenige. Die Jazz-Studie fordert somit auch den "Ausbau von Spielstätten für Profimusiker". Erst wenn Bund, Länder und Kommunen "eine solide Infrastruktur für die wichtige Kunstform Jazz bereitstellen, kann sich auch die Lebenssituation ihrer Künstler nachhaltig verbessern".

Das schlussfolgert die Untersuchung, die unter der Schlagzeile "Leidenschaftlich kreativ - schlecht bezahlt!" angekündigt wurde. Stimmt.