Web-Booklet unserer neuen CD:

Best Classic Jazz

Das „Brägenwoost Bratters Orchestra“ spielt „Best Classic Jazz”

Überraschung

Es war 2011, als mich ein Redakteur der „Braunschweiger Zeitung“  anrief und fragte, ob ich denn nicht mal Näheres über eine Jazzkapelle aus Niedersachsen mit Musikern aus Braunschweig, Hannover, Peine und Salzgitter schreiben wolle. Die Band begehe ihr 30jähriges Bestehen, das sie mit einem Jubiläumskonzert im Peiner Schützenhaus krönen wolle. Der Erlös (es wurden übrigens 10000 Euro erspielt!) werde dem Projekt „Gesundes Frühstück“ in einer Peiner Schule zugutekommen. Es handele sich dabei um das „Brägenwoost Bratters Orchestra“ (BBO). Als Gewährsmann wurde  mir Günter Geisler genannt.

Ich bin ein neugieriger Mensch und sagte sofort zu. Erster Gedanke: „Mal sehen, was denn das für Leute sind!“ Jedoch – der zweite Gedanke - eine Band, die sich nach einer regionalen Spezialität benennt – steckt da nicht doch viel Provinz dahinter? Erinnert das nicht allzu sehr an die dauernd fröhlichen Dixie-Revival-Truppen, die die Frühschoppen und Bootsfahrten mehr oder weniger bespaßen? Verächtlich „Mäusejazzer“ genannt, weil sich die Bläsergirlanden in den höheren Lagen endlos und stereotyp umspielen?

Welche Überraschung, zu erfahren, dass hier überhaupt nichts Provinzielles abging. Dass es sich in der Tat um ein Jazz - Orchester handelte, nicht um eine kleine Jazz - Kapelle. Und zwar eines, das über eine enorme Aufführungspraxis verfügte. Sessions in zahllosen Clubs in Deutschland,  Konzerte mit renommierten in- und ausländischen Bands in den Metropolen der Republik, Auslandstourneen, Auftritte im Rundfunk und Fernsehen, bei der EXPO und auch vor der Politprominenz in der Niedersächsischen Landesvertretung in Berlin absolviert hat. Und somit, ganz en Passant, die niedersächsische Spezialität „Brägenwoost“ international bekannt gemacht hat. Ein Orchester, das also einen Ruf besaß, der nichts mit Riverboat-Party-Atmosphäre zu tun hatte. Das den Anspruch hat,  auf höchstem Niveau die Wurzeln des modernen Jazz zu pflegen, also „Best Classical Jazz“ zu spielen.

Classic Jazz

Aber, was ist das eigentlich, klassischer Jazz? Ist das “New Orleans–Jazz” oder die “New Orleans in Chicago- Variante” oder “Chicago-Style? “Ach, das ist doch akademisch!”, spricht dazu Günter Geisler, Kornettist und Mann der ersten Stunde des BBO. ”Worum es uns geht, das sind die Kompositionen des frühen Jazz. Es geht um  das Fundament des heutigen Jazz. Klar, es gibt Vorbilder, etwa Paul Whiteman’s Ambassador Orchestra, dessen Orchestrierung und differenzierten Arrangements.  Oder Fats Wallers geniale Kreativität, seine Art des Swing. Und klar: die Dutch Swing College Band. Aber letztlich geht es immer um die Frage: Ist das eine Komposition des traditionellen Jazz, aus der sich etwas machen lässt?“

Das Konzept will einleuchten. Was brächte es auch, den „St. Louis Blues“ zu covern? Da kann man ja gleich das Original hören! Was das BBO will, ist musikalischen Mehrwert zu erzeugen, neues Licht auf alte Kompositionen zu richten.

Siebzehn neue Stücke

Wenn man die Entstehungszeit der Kompositionen betrachtet, bewegt sich das BBO schwerpunktmäßig zwischen 1911 und 1931. Etwas heraus fallen Les Browns „Sentimental Journey“ (1944) und Sidney Bechets „Si tu vois ma mère“ aus dem Jahre 1952. Die frühen Genres wie Ragtime, Blues, Hot Jazz, Stomp und Dixieland  sind also vertreten, dann aber vor allem der Swing der größeren Formationen, wie sie  in Chicago, der West- und der Ostküste der USA entstanden. Welche Stücke aus den Tausend möglichen wählen nun aber unsere „Bratters“ aus? Die Ohrwürmer oder aber eher Randständiges? Nun, „Sentimental Journey“, „Makin‘ Whoopee“, „St. Louis Blues“, „Georgia on my mind“, „It don’t mean a thing“ sind absolute Top-Hits. Wie kann man angesichts der großen Vorlagen bestehen? Ist ein Scheitern nicht vorprogrammiert? Und bei weniger bekannten Stücken – wie kann man da das geneigte Ohr gewinnen? Das BBO antwortet eindeutig: Keine Anpassung, keine Abgedrehtheiten, eigener seriöser Stil. Das sei an einigen Beispielen erläutert.

Gleich zu Beginn bei „Saturday Nigth Function“ klare Signale. Weg vom langsamen marschartigen Charakter alter Aufnahmen, Vorrang der Saxofone - sehr professionell und elegant-geläufig Christian Bode am Tenor-und Peter Tschunkert am Altsax bei den Soli. Feine Transposition danach, was neue Spannung schafft, um aber direkt in ein mit großem Pathos gestaltetes Finale zu führen.

Höchst interessant das Arrangement der „Black and Tan Fantasy“, einer von Ellington und seinem Trompeter Bubber Miley  rhythmisch sehr bestimmten, langsamen Marching Blues–Nummer. Arrangeur Peter Tschunkert hat das Tempo nicht verändert, die Komposition aber sehr transparent gemacht. Die Soli - sehr lyrisch Rolf Schlei an der Posaune und Tschunkert selbst beeindruckend in der virtuosen Tempogestaltung an der Klarinette - rücken in den Vordergrund, indem nur die Rhythmussektion mit Piano als Begleitung fungiert. Die anderen Bläser übernehmen lediglich das In- und Outro, die überleitenden Parts und Akzentuierungen, was dem dramatischen Grundgestus des Stückes Nachdruck verleiht. Auch eine Dixieland –Nummer wie „Fidgety Feet“ erfährt eine Neu–Interpretation: Die üblichen Kollektivimprovisationen werden höchstens als Background zitiert, genauso wie die übliche Dominanz des Kornetts. Im Vordergrund stehen vielmehr gut verteilte äußerst ausgefeilte Einzelimprovisationen.

Immer wieder beeindruckend ist die Präzision, das Auf-den-Punkt-Kommen der Band. Ob bei einer Up-Tempo-Nummer wie „That’s a plenty“ oder dem „Wolverine blues“: absolute Präzision der Einsätze. Sehr beeindruckend hier Wolfgang Oppermann an den Drums. Breaks und Fills sind absolut stimmig.

Wie gereift das BBO aber ist, zeigt sich bei den Gesangsnummern. Es sind allesamt Tophits, amerikanisches Song-Kulturgut. Wer hat bei „Sentimental Journey“ nicht sofort Doris Day im Ohr und vor Augen? Denkt bei „Makin‘ Whopee“ nicht an Bing Crosby und das Paul Whiteman Orchestra bzw. die Cineasten an Michelle Pfeiffer? “Georgia on my mind”: unvergesslich mit Ray Charles, schließlich  bei “It don’t mean an thing“: Ist nicht das Ellington Orchestra mit Ivie Anderson (voc) und den irrwitzigen Posauneneinlagen dazwischen das Non plus Ultra?

Das BBO mit Bianca El Mabrouk als exzellenter Sängerin tut das einzig Richtige. Keine Anlehnung an irgendeine Berühmtheit, vielmehr ein eigener reflektierter Ansatz. Das heißt in allen Fällen: Das Angebot, in die Affektkiste zu greifen, wird ausgeschlagen. „Sentimental Journey“ kommt zunächst wunderbar transparent daher, um ab dem Instrumental-Mittelteil einen dichten Bigband-Sound zu zelebrieren.  „Makin‘ Whopee“ ist dagegen durchgängig zurückhaltend arrangiert und entspannt, was den Sound angeht. Rolf Schlei erhält viel Raum für seine schönen mit feinen Verschleifungen gespielten Trombone–Soli. Dierck Alex begleitet am Piano einfühlsam und flicht schöne Ornamente ein. Gesang- und Instrumentalteil bekommen so ein schönes Gleichgewicht. Ein echtes Highlight ist dann aber „Georgia on my mind“. Nur Stimme und Piano, später dezent unterstützend Rolf Schlei am Bass – das lenkt auf die Stimme Bianca El Mabrouks. Die Harmonien nie glatt gebügelt, eine äußerst variable Stimme, die sowohl in Sopran- als auch in Altlagen sich bewegt, das lässt Erinnerungen an große Vorbilder gar nicht erst aufkommen. Günter Geisler beeindruckend an der Trompete und Christian Bode am Saxofon lassen das BBO stellenweise eher als kleinere Jazzband, denn als großes Orchester erscheinen. Eine Arrangement-Idee, die noch ausgefeilter in der Bechet-Komposition „Si tu vois ma mère“ zum Tragen kommt. Auf dem Rhythmusfundament, das Helmut Horneffer an der Gitarre, Rolf Schlei am Bass und Wolfgang Oppermann am Schlagzeug als echte Stabilisatoren zeigt, kann sich Philip Geisler gefühlvoll am Sopransaxofon entfalten.

„It don’t mean a thing“ kommt zu Beginn eher in einem Anita O’Day – Duktus daher. Reflektierend-erzählerischer Gesang zu Beginn, dann aber eine irritierend lange Pause und ein völlig cool-trockenes Anzählen, um in eine Up-Tempo-Nummer einzusteigen. Eine langer Instrumentalteil später ermöglicht allen Musikern, ihre Solisten-Qualität zu entfalten. Feine A-Capella-Breaks und dynamisch sehr abwechslungsreiche Melodie-Reprisen der Band runden die Paradenummer ab. Als Abschluss dann der „Davenport-Blues“ mit feinen Trompeten-Soli von Günter Geisler. Sehr schön die bluesigen Anspielungen darin  dann fast Gospelanklänge, die in den Bridges durch Dur-Skalen fast einen Popcharakter erhalten. Die boogieartigen Beschleunigungen runden die  Bix Beiderbecke -Komposition in ihrer ganzen Schönheit und Komplexität ab.

Aber das BBO wäre nicht das BBO, wenn es nicht doch auch seine humorvolle Seite zeigte. Kommentare, Zwischenbemerkungen, Gelächter wurden nicht gelöscht, was etwas wie Live-Atmosphäre vermittelt. Als Bonus gibt es dann noch einen Medley, der eine Collage aus den auf der CD gespielten Stücken ist. So lässt sich trefflich überprüfen, ob man den Silberling intensiv genug gehört hat.

Und das sollte man unbedingt tun. Wer etwas Zeit hat, dem sei empfohlen, immer wieder mal zum Vergleich die älteren Aufnahmen sich auf You Tube anzuhören. Weil es die ursprünglichen Aufnahmen wert sind natürlich, aber auch um feststellen zu können, dass das BBO nicht nur Classical Jazz spielt, sondern das Prädikat „Best“ zu recht hinzuzufügen ist.

 

Die Musiker:

Dierck Alex (Piano)

Christian Bode (Tenorsax)

Günter Geisler (Kornett, Trumpet, Flügelhorn)*

Philip Geisler (Sopran-und Baritonsax)

Helmut Horneffer(Guitar, Banjo)

Bianca El Mabrouk (Vocal)

Wolfgang Oppermann (drums)

Klaus Ortner (Bass, E-Bass)

Rolf Schlei ( Trombone, Bass)

P. Tschunkert (Clarinet, Alt- und Baritonsax)

 

*Alle Instrument aus der Meisterwerkstatt Musik Böpple Ditzingen.

Die Instrumentenmacher – der Tradition verpflichtet!“

www.musik-boepple.de.  

 

Arrangements by  P.T. Tschunkert

Recorded, mixed  and mastered by P. T. Tschunkert

Herstellung: 2015

Cover Art and Graphic Design: discantus musikedition

Liner Notes: Klaus Gohlke

 

Kontakt: Günter Geisler

cggeisler@arcor.de 

Homepage: www.jazz-niedersachsen.de

 

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          Brägenwoost Bratters Orchestra                                   Best Classic Jazz 2015

 

Die Titel:

1.   Saturday Night Function                     D. Ellington/B. Bigard     

2.   Black and Tan Fantasy                        D. Ellington/B. Miley  

3.   Sentimental Journey                           L. Brown/B. Green  

4.   Fidgety Feet                                       N. La Rocca/L. Shields   

5.   That’s a plenty                                    L. Pollack/R. Gilbert     

6.   Makin’ Whoopee                                W. Donaldson/G. Kahn  

7.   Someday you’ll be sorry                      L. Armstrong        

8.   Riverboat Shuffle                                 H. Carmichael    

9.   St. Louis Blues                                    W.C. Handy    

10. Georgia on my mind                            H. Carmichael/S.Gorrell     

11. Wolverine Blues                                   J. R. Morton  

12. Si tu vois ma mère                              S. Bechet   

13. Please don’t talk about me                 S. H. Stept/S. Clare  

14. When it’s sleepy time down south      C. Muse/L. & O. René        

15. Panama Rag                                        W. Tyers             

16. It don’t mean a thing                           D. Ellington/J. Mills  

17. Davenport Blues                                  B. Beiderbecke    

18. Bonus: Medley                                     BBO